Foto des Nexus 7, wie es aus der Website ragt

Vor kurzem schaffte das Nexus 7 endlich den Sprung über den großen Teich nach Kontinentaleuropa. Da ich schon länger plante, dieses Tablet für unseren Testfuhrpark anzuschaffen, mich der Importaufwand aber abhielt, schlug ich umgehend zu.

Drei Tage später hatte ich den kleinen Karton dann auch schon da. 199€ plus einen Zehner für den Versand ruft Google für das 7”-Tablet auf. Aber was bekommt der geneigte iOS-Nutzer für sein Geld?

Das Gerät

Die Hardware an sich fühlt sich gut an. Solide verarbeitet. Für die Größe aber gefühlt nicht so viel leichter als ein iPad, das ca. drei Zoll mehr Bildschirmdiagonale und einen Rücken aus Metall mit auf die Waage hieft. Trotzdem ist es natürlich leichter und handlicher und damit meine ich handlicher. Ich bekomme zwar auch ein iPad mit einer Hand umschlossen, aber so richtig bequem ist das dann nicht.

Eine Kamera nach hinten hat Google uns und sich erspart und die Kamera vorne für Videokonferenzen erzeugt ähnlich unscharfen Pixelbrei wie die vergleichbare Kamera in einem iPad. Würde mir die Kamera hinten fehlen? Mich überraschte die Antwort: ja. Ich benutze die Kamera im iPad eigentlich nie und wenn, dann nur um damit völlig bescheuert auszusehen. Aber gerade weil das Nexus mein einziges aktuelles Android-Gerät ist, hätte ich für Google Goggles und einige Foto-Apps schon gern eine halbwegs brauchbare Kamera, die in die richtige Richtung fotografiert.

Dafür schraubt Asus in Googles Auftrag aber einen NFC-Chip in das Gerät. Der Heilsbringer, der in Zukunft unser aller Leben perfektioniert. Gerüchteweise gibt es sogar Anwendungsfälle für NFC und man kann Aufkleber kaufen, die dann irgendwas mit dem Gerät machen. In meinem Leben ergab sich bis dato kein einziger dieser Fälle. Ich habe aber zugegeben auch hauptsächlich iOS-Nutzer um mich herum, die der tollen Idee ihre Geräte gegeneinander oder irgendwo drauf zu schlagen, nichts abgewinnen können.

Apropos Chips: der geringe Nutzwert eines Tablets ohne integrierten Mobilfunkchip hat sich für mich bestätigt. Nachdem mein erstes iPad nur mit Wifi daher kam, hatten Generation zwei und drei jeweils einen UMTS-Chip an Bord. Ich bin zwar die meiste Zeit im WLAN, aber wenn ich es nicht bin, ist ein Tablet ohne Internetzugang eine Angry Brids-Maschine. Mehr nicht. Leider gibt es von dem Nexus aktuell kein Modell mit 3G-Chip, auch wenn sich das Gerüchten zur Folge in Kürze ändert.

Aktuell ist das Nexus 7 lediglich mit 8GB und 16GB Speicher zu haben. Ich habe hier das kleine Modell. Für einen Aufpreis von 50€ lässt sich der Speicher verdoppeln. Wer das Tablet ernsthaft und auf Dauer nutzen will und es nicht in der Hauptsache als Testgerät kauft, sollte wahrscheinlich zu dieser größeren Variante greifen. Denn einen Kartenslot zur Erweiterung des Speichers, den Android-Jünger gern als großen Vorteil gegenüber iPhones verkaufen, gibt es nicht. Ich begrüße das. Ich will mir in einem Tablet oder Telefon keine Gedanken über mehrere Speicherorte oder Laufwerke machen müssen.

Ebenfalls etwas mehr Gedanken muss ich mir über den Akku machen. Der hält bei exzessiver Nutzung längst nicht so lange wie der iPad-Akku. Noch viel schlimmer: der Akku läuft bei Nicht-Nutzung sehr viel schneller leer. Ein paar Tage nicht angefasst und der Akku ist Restlos leer. Das ist schon eine große Umstellung.

Insgesamt gefällt mir das Gerät von der Hardware schon ganz gut, auch wenn ich mir für das schauen von längeren Videos oder für die Nutzung des Browsers dann doch gerne das knapp zehn Zoll große Display des iPads wünsche. Chrome auf dem Nexus ist übrigens von den Funktionen noch eine Idee interessanter, als die iPad-Variante, die aktuell mein Standardbrowser ist.

Android 4.1

Freiheit. Endlich entkomme ich dem bösen Kerker, den Apple für mich als Kunden erbaut hat und atme die frische Luft eines „offenen“ Systems. Ich muss zugeben, hier hat sich eine Menge verändert, seit meinem letzten ausgiebigen Besuch.

„Butter“ nennt Google, was auch immer sie mit 4.1 eingeführt haben, das die stotternden Animationen, die Android berühmt gemacht haben, beseitigt. Butter ist immer gut und so fühlt sich das hin und her wischen, das Scrollen und die Animationen in den meisten Fällen genauso flüssig an, wie auf dem iPad.

Das Betriebssystem ist tatsächlich offener, es gibt haufenweise Funktionen, die iOS nicht hat, es lässt mich tiefer eingreifen und beispielsweise andere Tastaturen installieren. Es gibt mir tiefere Einblicke in die Stromfresser und die Nutzung des Systems. Und Widgets. Endlich Widgets.

Das Raster an installierten Apps, das ich von iOS kenne, ist hier nur die zweite Ebene. In der Schicht darüber habe ich fünf Bildschirmbreiten auf denen ich mich austoben kann. Ich kann dort Apps ablegen, die ich regelmäßig starte und Widgets, die bestimmte App-Inhalte oder -funktionen direkt anzeigen ohne die App zu starten. Toll. Nachdem ich einiges an Widgets auf meine Home-Screens gepappt hatte, flogen die meisten recht schnell wieder runter. Irgendwie sind die meisten dann doch sinnlos. Wozu muss ich die letzten drei Foursquare-Checkins meiner Freunde sehen? Schnellzugriff auf das aktivieren/deaktivieren verschiedener Systemkomponenten (Wifi, Bluetooth, GPS, Softwareupdates) sowie der Bildschirmhelligkeit sind aber Dinge, die ich mir durchaus auch für mein iPhone und iPad wünschen würde. Dazu noch Wetter und Fußballergebnisse und ich bin glücklich.

Die Apps und Inhalte

Damit sind wir dann bei den Apps und hier wird es dann etwas düsterer. Es gibt mittlerweile viele der Apps, die ich nutze auch für Android, das machte es schon mal leichter mich zurecht zu finden. Auch wenn einige Apps wie 1Password leider nur ein Reader und kein vollwertiges Programm sind, stehen sie wenigstens zur Verfügung. Generell gilt aber: nur weil die Apps genauso heißen, sind sie nicht mit dem gleichen Anspruch gebaut. Man bekommt Teilweise Screens zu sehen, für die sich ein Windows 3.11-Rechner schämen würde.

Hier ist es natürlich unfair alle Apps über einen Kamm zu scheren, aber generell muss man auch bei vielen beliebten Android-Apps seinen ästhetischen Anspruch am besten zuhause lassen. Ich habe dabei nicht nur allein Ausflüge in den PlayStore unternommen, sondern mich auch gerne von begeisterten Android-Nutzern an die Hand nehmen lassen. Das Ergebnis ändert sich nicht.

Für das Nexus 7 gilt außerdem, dass es mit seinen 7” ja verdächtig nahe an den Absurden Größen einiger aktueller Smartphones aus dem Hause Samsung liegt. Trotz der Tatsache, dass ich ein Tablet nutze, bekomme ich hier leider nur aufgeblasene Telefonversionen der Apps. List-View über List-View langweilt sich hier das iPad-verwöhnte Auge zu Tode. Der größere Bildschirm wird kaum ausgenutzt.

Außerdem werden einige Anwendungsfälle gar nicht von brauchbaren Apps bevölkert. Einen brauchbaren Podcast-Client sucht man beispielsweise derzeit vergebens. Hier bin ich sicher von Downcast etwas verwöhnt. Aber die Möglichkeit, nur die Audiospur eines Videopodcasts im Hintergrund zu hören, während ich ein Spiel auf dem iPad spiele, ist ein Luxus der Tablet-Welt auf den ich nur ungern verzichten würde. Da hilft es auch nicht, dass Android wesentlich offener ist seltenere Anwendungsfälle abdeckt.

Schön ist aber, dass man Apps 20 Minuten ausprobieren kann und diese im Zweifel einfach zurückgibt. Tatsächlich ist aber das Meiste mindestens in einer kostenlosen Version zu haben und wird dann neben der Grundhässlichkeit noch zusätzlich durch Werbebanner abgewertet. Hier geht ebenfalls ein wenig der Spaß im PlayStore verloren, wenn ich als Nutzer einfach mit allem Möglichen beworfen werde. Bei der Suche nach einer Tastatur bekam ich die App vier mal vor die Füße geworfen und sollte mich für eine Variante entscheiden. Offen bedeutet hier offenbar, den Benutzer die Drecksarbeit machen zu lassen und keine Entscheidung für ihn zu treffen. Durch das App-Dickicht kann man sich dafür am Rechner schlagen und dann aus dem Browser die Apps an das Tablet senden. Theoretisch geht so etwas in der Art auch mit iTunes, aber wir wissen ja alle, dass man den Start von iTunes mit allen Mitteln verhindern will.

Um sich auch eine Grundausstattung an kostenpflichtigen Apps leisten zu können, legt Google dem Nexus 7 aktuell noch einen Gutschein für den hauseigenen PlayStore im Wert von 20€ bei. Milchmädchenbereinigt kostet das Tablet also nur noch 180€ und Transformers 3 ist ebenfalls schon zu freien Betrachtung freigeschaltet.

Fazit

Für den kleinen Preis bekommt man ein wirklich gutes Tablet, ein mittlerweile auch sehr gutes Betriebssystem. Von den Apps bin ich etwas enttäuscht. Wenn das alles das Ergebnis unendlicher Freiheit ist, dann ist es in meinem Käfig gar nicht so schlimm. Aber das wird sich sicher verbessern. Irgendwann.

Die Größe von sieben Zoll finde ich für viele Anwendungen sehr angenehm, für andere aber zu klein. Insgesamt bin ich aber dann doch wieder nicht so Mobil wie mit meinem iPhone. Insgesamt ist das Nexus 7 das perfekte Zweittablet. Die große Frage ist aber: ist »Zweittablet« überhaupt eine Produktkategorie? Auf jeden Fall ist es aktuell der günstigste und vertragsloseste Einstieg in die aktuelle Android-Welt.

Ich sehe in meinem Umfeld keinen Trend zum Zweittablet, daher bleibt noch der Markt der sparsamen Tabletkäufer. Die machen mit dem Nexus sicher nicht viel falsch. Allerdings würde ich auch noch abwarten, was im Laufe der nächsten eineinhalb Monate aus den Häusern Apple und Microsoft kommt. Denn alle werden in diesem Zeitraum wohl neue Tablets ins Rennen schicken.