Helium, Teebeutel und ein Rosenverkäufer. Ist das schon Wahlkampf?

Wo war eigentlich der Wahlkampf, von dem alle reden und den ich aus der Vergangenheit kenne? Der muss dieses Mal an mir vorbei gegangen sein.

Vielleicht lebe ich in einer Blase. Wenn ich es mir recht überlege: ganz sicher sogar. Ich habe mich im Vorfeld nicht übermäßig viel mit der Wahl beschäftigt. Ich las die Zusammenfassungen der Wahlprogramme der Parteien, die für mich überhaupt in Frage kamen und machte mir ein paar Gedanken zu den Themen. Den Wahl-O-maten klickte ich einmal lustlos durch und besiegelte meine Entscheidung, bestellte Briefwahlunterlagen, wählte und war fertig.

Alles ziemlich frei jeglichen Wahlkampfs und jedweder Aufregung. In Ermangelung einer besseren Beschäftigung am 3.9. schaute ich das einzige TV-Duell zwischen Merkel und Schulz. Auch hier kein Anzeichen von Wahlkampf oder echter Angriffslust des Herausforderers. So übernimmt man keine Kanzlerschaft, Herr Schulz.

Überhaupt: nach der Nominierung von Martin Schulz sah es ja so aus, als könnte der Wahlausgang noch einmal spannend werden. Plötzlich erschien die Möglichkeit eines Kanzlerwechsels zumindest theoretisch möglich. Ein unbekanntes – seit über einem Jahrzehnt betäubtes – Gefühl stieg in mir auf. Sollten wir vielleicht einen Kanzler bekommen, der einen Plan für die Zukunft hat und sich nicht auf das Verwalten begrenzt?

Aber so schnell, wie die neue Euphorie hinter dem Mann versammelt wurde, verpuffte sie, weil plötzlich nichts mehr passierte. Kein Wahlkampf, keine Präsenz. Zugegeben, ich verfolge die Nachrichten auch nicht übermäßig genau. Es ist aber auch nicht meine Aufgabe, mir den Wahlkampf selbst abzuholen. Wer Kanzler werden will, muss ja auch irgendwie die Bevölkerung erreichen und unter einem Stein lebe ich auch nicht.

Nach der Wahlniederlage gab Martin Schulz die erste Rede seit langer Zeit, die irgendwie Herzblut vermittelte (ich meine die vor der SPD, nicht den peinlichen Auftritt in der Elefantenrunde).

Meine sonstigen Berührungen mit Wahlkampf, waren eine Musikbühne der Grünen in der Innenstadt Hannovers mit Ausschank von grünem Tee und ein kümmerlicher Ministand der SPD neben einem Supermarkt, an dem sie Rosen an Passanten verschenkten. Nichts wofür ich stehen bleiben würde.

Ich bin kein Politprofi, aber wenn das alles ist, was den demokratischen Parteien einfällt, behält der rechte Pöbel auch weiterhin die politische Bühne und die Titelblätter in seiner Gewalt. Vielleicht unterschätze ich als Mann auch die Kraft von Rosen und grünem Tee? Vielleicht wählen Menschen wirklich danach, wer ihren Kindern die größten Luftballons geschenkt hat. Mein Gefühl ist, dass 2017 und dann erst Recht zum Zeitpunkt der nächsten Bundestagswahl (also irgendwann zwischen 2017 und 2021) etwas mehr mobilisiert werden kann, als eine Heliumflasche, Teebeutel und ein Rosenverkäufer.

Und jetzt?

Ich bin mir sicher, dass es möglich ist, mit politischen Inhalten Menschen zu erreichen, aber sowas wie klassischen Wahlkampf und Arbeit auf den Marktplätzen des 21. Jahrhunderts habe ich nur ein wenig von DIE PARTEI wahrgenommen und sonstige Medienpräsenz, die von der AfD diktiert wird. Im Ergebnis wird dann auf DIE PARTEI eingedroschen, weil sie ein Feind der Demokratie sein soll? Wenn ein paar Clowns es hinbekommen, Wähler zu mobilisieren, sollte vielleicht die Frage sein: warum echte Politik das nicht schafft? Aber es ist natürlich immer Bequemer die Fehler bei jemand Anderem zu suchen.

Um mir den Sand des Realismus ins Auge zu streuen und Politik besser zu verstehen, habe ich gestern meine Mitgliedschaft bei den Grünen beantragt und werde vielleicht in Zukunft vom Erlebten in der Politik berichten. Möglicherweise sind meine Einschätzungen aber auch komplett falsch und die politische Langeweile rafft auch mich in kürzester Zeit dahin. Es bleibt wird spanned.